Spannung zwischen Anspruch

und Wirklichkeit

Religionspädagogischer Tag zum Thema Inklusion

Der Begriff „Inklusion“ ist in aller Munde. Aber bei der Umsetzung in die schulische Praxis fühlen sich Lehrkräfte dagegen häufig allein gelassen. „Wir bekommen mit, dass dieses Thema durchaus kontrovers diskutiert wird. Es gibt eine Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit“, betont Pfarrer Henning Eden, Leiter des Arbeitsstelle für Religionspädagogik (arp) der oldenburgischen Kirche. Das habe die arp veranlasst, gemeinsam mit den Religionspädagogikstellen der bremischen Kirche und der reformierten Kirche eine Tagung zum Thema „Inklusion“ zu organisieren, die am Donnerstag, 16. Juni, im PFL in Oldenburg stattfand.

In seinem Hauptvortrag machte der Religionspädagoge Prof. Dr. Bernd Schröder aus Göttingen deutlich, wo die besonderen Herausforderungen beim Thema Inklusion im Religionsunterricht liegen. „In der Religionspädagogik bedeutet Inklusion gleich zwei Herausforderungen“, betonte der Experte. Erstens gehe es auch im Religionsunterricht um die Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Dafür sei es wichtig, dass sich gerade der Religionsunterricht an den Schulen als Anwalt der Inklusion betätige. Und gerade die Kirche habe eine spiele eine wichtige Rolle dabei, dass die Inklusion in der Schule sich auch in der Gesellschaft wiederfinde. „Kirche kann ein Rückhalt für inklusives Leben sein“, sagte Schröder. Gleichzeitig stelle der Anspruch der Inklusion aber auch bestimmte Inhalte aus dem Unterricht auf den Prüfstand.


Noch herausfordernder werde der Inklusionsgedanke für den Religionsunterricht jedoch, wenn dieser als Offenheit für Heterogenität in den Lernprozessen verstanden werde und damit die religiöse Vielfalt in den Klassenzimmern in den Blick genommen werde. „Konfessioneller Religionsunterricht kollidiert mit dieser Idee von Inklusion“, machte Schröder das Spannungsfeld deutlich.

Er forderte in Oldenburg dazu auf, den Religionsunterricht weiterzuentwickeln. Wichtig seien überkonfessionelle Kooperationen, bei denen die Unterschiede dennoch ernst genommen würden. Auch der Austausch mit anderen Religionen sei sehr wichtig. „Die Lehrerinnen und Lehrer müssen der individuellen religiösen Ausgangslage der Schülerinnen und Schüler Rechnung tragen“, machte Schröder deutlich.

Nach dem Vortrag konnten die rund 130 Teilnehmenden in Murmelgruppen diskutieren. Aus den Rückmeldungen wurde deutlich, viele sehen die Spannung zwischen Realität und Wirklichkeit. Doch es gibt eine große Bereitschaft zur Inklusion. Und diese Haltung, das machte Schröder deutlich, sei sehr wichtig. Denn Inklusion brauche einen neuen Blick bei Lehrerinnen und Lehrern. Im Vordergrund müsse der Förderungswille stehen.

Im Anschluss hatten die Teilnehmenden in zahlreichen Workshops Gelegenheit, sich ganz praktisch mit einzelnen Aspekten von Inklusion auseinanderzusetzen.

Am Nachmittag wurde in einem Gottesdienst Pfarrer Henning Eden in den Ruhestand verabschiedet. Neun Jahre lang hatte er die arp Oldenburg geleitet. Oberkirchenrat Detlef Mucks-Büker würdigte Eden als verantwortungsbewussten und zielorientierten Menschen. „Ihre Fähigkeit zuzuhören, auch nach anderen Standpunkten und Betrachtungsweisen zu fragen, Ihre Offenheit in unseren Gesprächen, Ihre Bereitschaft, mich teilhaben zu lassen an Ihren Erfahrungen und Ihrer enormen Fachkompetenz, für all das und vieles mehr sage ich ganz persönlich Danke.“

 

Inklusion ist eine der großen Herausforderungen im Religionsunterricht

Interview mit Pfarrer Henning Eden durch Dirk-Michael Grötzsch

Die religionspädagogische Tagung in Oldenburg war zugleich auch ein Abschied für den Leiter der Arbeitsstelle. Pfarrer Henning Eden wurde im Rahmen der Veranstaltung in den Ruhestand verabschiedet. Neun Jahre lang hatte er die arp Oldenburg geleitet. Im Interview erzählt er über seine Arbeit und die besonderen Herausforderungen beim Thema Inklusion.

Herr Eden, was hat die drei Religionspädagogischen Arbeitsstellen aus Oldenburg, Ostfriesland und Bremen bewogen, gemeinsam diese Tagung zu veranstalten?
Die Inklusion ist in Niedersachsen eingeführt und wir bekommen bei unserer Arbeit mit, dass es eine große Spannung zwischen Anspruch und Wirklichkeit gibt. Das Thema hat eine große Bedeutung für die Lehrkräfte, die sich damit oft allein gelassen fühlen. Deshalb wollen wir mit dieser Tagung Unterstützung bieten.

Inklusion ist natürlich auch für den Religionsunterricht eine Herausforderung. Wo liegen hier die Besonderheiten?
Seit drei Jahren ist im Bereich Inklusion im Religionsunterricht viel passiert. Es wurden Materialien erarbeitet und das Thema wurde in die Ausbildung aufgenommen. Wie im Vortrag heute Vormittag deutlich geworden ist, ist eine der großen Herausforderungen im Religionsunterricht, dass die Klassen unabhängig von der Inklusion bunter werden. Ich war kürzlich in einer Klasse mit yezidischen, katholischen, evangelischen, muslimischen Kindern und vielen konfessionslosen Kindern. Ein paar der Kinder hatten zudem Förderbedarf. Damit Religionslehrkräfte alle die Kinder mit ihrer Herkunft, ihrer Kultur und ihren Stärken und Schwächen ernst nehmen können, brauchen sie Unterstützung.

Die Schulen haben sich beim Thema Inklusion auf den Weg gemacht. Wie weit ist die Kirche?
Auch Kirche hat genau wie die Schulen noch viele Schritte zu gehen, damit die inklusive Wirklichkeit in den Bildungsprozessen ankommt. In den Kindergärten sind wir sehr weit. Aber auch der Konfirmandenunterricht muss beispielsweise weiterentwickelt werden. Die Kirchengemeinden leisten tolle inklusive Arbeit, aber es bräuchte eine systematische Aufarbeitung.

Sie waren neun Jahre Leiter der Arbeitsstelle Religionspädagogik. Was waren in dieser Zeit wichtige Themen?
In den letzten neun Jahren hat sich der Schwerpunkt in der Pädagogik und damit auch in der Religionspädagogik von der Vermittlung von Wissen auf die Vermittlung von Fähigkeiten und Kompetenzen verlagert. Dazu wurden Materialien so aufgearbeitet, dass beispielsweise die Dialogfähigkeit gefördert wurde. Der einzelne Schüler / die einzelne Schülerin ist in den Vordergrund gerückt. Ein weiterer Schwerpunkt ist das Theologisieren mit Kindern. Es ist toll, welche philosophische Fragen Kinder stellen.

Ein Beitrag von Kerstin Kempermann.


Lehrerinnen und Lehrer erhielten Beauftragung für den Ev. Religionsunterricht

25 Lehrerinnen und Lehrer haben am vergangenen Freitag (11. März 2016) in einem Gottesdienst in der St. Lamberti-Kirche in Oldenburg ihre Vokationsurkunde erhalten. Dabei handelt es sich um die kirchliche Lehrerlaubnis, die Voraussetzung ist, um Evangelischen Religionsunterricht an Schulen erteilen zu dürfen.

Der Gottesdienst wurde von Oberkirchenrat Detlef Mucks-Büker geleitet. „Sie befinden sich in einer herausfordernden Aufgabe“, sagte Mucks-Büker zu den Pädagogen. Religionslehrer hätten in ihrer Tätigkeit die Aufgabe, die christlichen Traditionen weiterzuvermitteln, da die Familien für diese Weitergabe häufig aus fielen. Begleitet durch den Segen Gottes und die Fürbitte ihrer Mitchristen könnten die Lehrer ihren Dienst zuversichtlich tun.

 
Dem Vokationsgottesdienst war eine intensive Fortbildung von zweieinhalb Tagen in der Ev. Heimvolkshochschule in Rastede vorausgegangen. Dort befassten sich die Pädagogen mit dem Thema: „Die Bibel ins Leben holen“. Die biblischen Schriften seien für Religionspädagogen immer noch das wichtigste Medium im Religionsunterricht, aber was bei Kindern und Jugendliche häufig mit den meisten Ressentiments behaftet sei, erklärte Pfarrer Henning Eden, der die Vokationstagung leitete.